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Woodscraper am Genfer See
#stadtplanung

Woodscraper am Genfer See

Im Schweizer Städtebau trifft Star-Architektur auf ökologische Holzbauweise. Mit dem Tilia Tower legt Lausanne in der zukunftstauglichen Stadtentwicklung die Latte hoch.

Warmes, natürliches Holz an den Wänden und Decken, dazu schlichte Holzmöbel nach nordischem Design und eine spektakuläre Aussicht auf den Genfer See. Was durchaus den Ansprüchen eines zeitgemäßen Einfamilienhauses entspricht, ist in Wahrheit die gerenderte Musterwohnung von Lausannes neuem Highrise-Projekt. Der Tilia Tower des dänischen Architekturbüros 3XN ist ein 85 Meter hoher Turm aus Holz, der die Grenzen der ökologischen Bauweise neu auslotet.

Tilia Tower, Front
Der Tilia Tower in Lausanne ist ein Hochhaus aus Holz und Teil eines Stadtentwicklungsprojektes.

Höhe ist nicht alles

Überall in Europa bauen Investoren hölzerne Skyscraper, die immer höher hinaus wollen. Der geplante Turm in Lausanne wird derzeit nur vom norwegischen Mjøstårnet mit einer Höhe von 85,4 Metern haarscharf überragt. Das allerdings nur dank des gerüstartigen Aufbaus auf seinem Dach. Den nächsten Siegestitel für das höchste Holzhochhaus der Welt will sich die niederländische Stadt Eindhoven sichern. Sie wird künftig von der neuen Landmark The Dutch Mountains dominiert, einem 130 Meter hohen Holzbauwerk mit zwei ungleich hohen Türmen. 

Dabei ist die Höhe nicht die einzige Disziplin, in der sich die Woodscraper messen können. Auch der Energiebedarf, die ökologische Bauweise, das Design und die städtebauliche Entwicklung sollten in die Bewertung mit einfließen. Das Projekt in Lausanne, zu dem auch die Transformation von zwei Altbauten gehört, kann auf vielen Ebenen punkten.

Musterwohnung, Tilia Tower
Die Musterwohnung im Tilia Tower besticht durch viel natürliches Holz, jede Menge Tageslicht und die Aussicht auf den Genfer See.

Neue Impulse in der Stadtentwicklung

Das neue Vorzeigeprojekt entsteht in Prilly, einer sogenannten Agglomerationsgemeinde, die mit der Kernstadt Lausanne verwachsen ist. Das einstige Weinbaugebiet entwickelte sich bereits um 1900 zum Wohnbezirk der angrenzenden Großstadt. Industrie- und Gewerbebetriebe siedelten sich an und verpassten der Gegend den typischen Vorstadtcharakter. 

Eine durch Abwanderung und Überalterung schrumpfende Bevölkerung trifft heute auf eine nahezu lückenlose Bebauung des gesamten Areals. Gefragt ist eine Aktivierung des Gebietes durch neue städtebauliche Impulse. Eine Aufgabe, die das Entwicklungsgebiet rund um den Tilia Tower erfüllen soll.

Park, Tilia Tower
Neue öffentliche Räume sollen den Vorort Prilly wiederbeleben.

Neubau meets Altbestand

Das innovative Hochhaus aus Holz soll mit seinen neuen öffentlichen Räumen und Plätzen wieder Leben in die Nachbarschaft bringen. Ein älteres Bürogebäude und eine Badminton-Halle sind ebenfalls Teil des Projektes. Sie werden saniert und gebäudetechnisch auf den neuesten Stand gebracht. Somit kann für das gesamte Projekt eine Minergie-P-Zertifizierung erreicht werden. Dieses Siegel wird in der Schweiz an Niedrigstenergie-Bauten vergeben.

Das Ergebnis ist ein komplexes Gebäude mit einer offenen, starken Identität und einem organischen Ausdruck, der mit der klassischen homogenen Hülle bricht.

Jan Ammundsen, 3XN Architects

Die Altbauten bekommen auch äußerlich ein Make-over verpasst, damit sie zur architektonischen Handschrift des Neubaus passen. Der Entwurf stammt aus der Feder des dänischen Architekturbüros 3XN, das zuletzt mit dem spektakulären Shenzhen Natural History Museum und dem smarten Cube Berlin für Aufsehen sorgte. Der Tilia Tower ist ein Mixed-Use-Projekt, das neben Apartments und einem Hotel auch Co-Working- und Co-Making-Spaces sowie Bars, Restaurants und Cafés bieten wird.

Eislaufplatz, Tilia Tower
Neben dem neuen Holz-Hochhaus werden auch zwei Altbauten als Teile des Entwicklungsprojektes saniert.

Diversität im Design

So vielseitig das Projekt in seiner Nutzung sein wird, so vielseitig ist auch sein Designkonzept. „Diversität ist ein Schlüsselfaktor in der Gestaltung des Gebäudes und findet sich im rhythmischen Arrangement der Fassade wieder“, erklärt das Architekturbüro 3XN. „Die Apartments sind als Serie individueller Elemente angelegt, die sich in einer rationalen Anordnung übereinander schieben.“

Diversität ist ein Schlüsselfaktor in der Gestaltung des Gebäudes und findet sich im rhythmischen Arrangement der Fassade wieder.

Jan Ammundsen, 3XN Architects

„Das Ergebnis ist ein komplexes Gebäude mit einer offenen, starken Identität und einem organischen Ausdruck, der mit der klassischen homogenen Hülle bricht.“ Die tiefen Fensternischen und Terrassen sollen eine Verbindung zwischen dem Gebäude, seinen Nutzern und der Umgebung schaffen. 

Fassade, Tilia Tower
Die variable Verschachtelung der Fassade bricht mit der Homogenität.

Der Mensch im Fokus

Eine natürliche und für den Menschen gesunde Umgebung zu schaffen stand für die Architekten im Zentrum der gestalterischen Überlegungen. „Unsere Philosophie ist es, ein Gebäude zu schaffen, das den menschlichen Maßstab im Blick hat und die Verbindung zur Natur stärkt. Dies wird zum einen durch natürliches Tageslicht erreicht, das für das Wohlbefinden des Menschen unerlässlich ist. Zum anderen durch den vorwiegenden Werkstoff Holz, der dem Projekt einen natürlichen, warmen und soliden Charakter verleiht“, sagt 3XN-Architekt Jan Ammundsen über das Projekt.

„Hell, freundlich, menschlich und nachhaltig.“ Laut Ammundsen wird der Tilia Tower all das sein, was man sich heute von einem neuen Gebäude erhofft.

Text: Gertraud Gerst
Bilder: 3XN

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