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Energiewende im Wiener Altbau
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Energiewende im Wiener Altbau

Wie sieht die CO₂-neutrale und resiliente Stadt von morgen aus? Das zeigt das Architekturfestival Open House Wien am 11. und 12. September 2021 und öffnet die innovativsten Bauten der Stadt.

Auf den großzügigen gemeinschaftlichen Terrassen wachsen Paprika und Blumen aus den Töpfen, darüber eine bunte Hängematte. Unten, im Innenhof, steht ein Geräteschuppen für Urban-Gardening-Aktionen, nebenan hängen E-Bikes an den Ladestationen. Eine zeitgemäße Wohnidylle, wie sie so nah am Wiener Gürtel selten zu finden ist. Auf den ersten Blick wirkt der Smart Block Geblergasse im 17. Wiener Gemeindebezirk wie ein vorbildlich sanierter Altbau. Doch das Projekt, das beim Architekturfestival Open House Wien für alle geöffnet wird, ist weit mehr als das.

Smart Block Geblergasse, Open House Wien
Der Smart Block in der Geblergasse zeigt, wie der Althausbestand klimafit wird.

Erstes Anergienetz für den Altbau

„Von einer Sanierung kann man in diesem Zusammenhang nicht sprechen“, erklärt der zuständige Architekt Johannes Zeininger. „Es handelt sich hierbei um eine Restrukturierung.“ Das, was dieses Projekt so besonders macht, ist von außen nicht wirklich sichtbar. Die Innovation befindet sich am Dach, in über hundert Metern Tiefe und im Röhrengewirr des Technikkellers. Hier wurde ein sogenanntes dezentrales Anergienetz installiert, das die Bewohner von zwei Gründerzeitbauten mit CO₂-freier Energie versorgt. Kein Gas, kein Öl, keine energietechnischen Altlasten. 

Das ausgeklügelte System besteht aus einem Energieverbund zwischen den Häusern, in den Energie eingespeist und entnommen wird. Über Solarkollektoren am Dach werden pro Jahr durchschnittlich 73,5 Megawattstunden an Wärmeenergie „geerntet“. Diese wird während der Sommermonate in Rohren gespeichert, die bis zu 120 Meter tief unter das Gebäude reichen. Eine Art Batterie in der Erde, die der Warmwassererzeugung dient und im Winter die Fußböden beheizt. Im Sommer kühlt der Rücklauf aus dem Boden nahezu kostenfrei die Wohnräume. Eine Photovoltaikanlage auf dem Liftschacht und am Dach versorgt die Bewohner zudem mit grünem Strom.

Die Städte sind bereits gebaut. Die Aufgabe der Zukunft ist es, urbane Räume so umzubauen, dass wir uns alle innerhalb der ökologischen Grenzen bewegen.

Ulla Unzeitig, Co-Organisatorin von Open House Wien

Während Systeme wie diese bei Neubauten keine Seltenheit mehr sind, beweist das Pilotprojekt Smart Block, dass die Energiewende auch im Althausbestand möglich ist. „Die Städte sind bereits gebaut. Die Aufgabe der Zukunft ist es, urbane Räume so umzubauen, dass wir uns alle innerhalb der ökologischen Grenzen bewegen“, sagt Ulla Unzeitig, Co-Organisatorin von Open House Wien.

Vivihouse, Open House Wien
Vivihouse ist ein Pionierprojekt, das aus Holz, Stroh und Lehm besteht und als Modell für den mehrgeschossigen Holzbau in der Stadt dient.

Die resiliente Stadt

Der Smart Block Geblergasse wurde für seine Pionierleistung mit dem Wiener „Güteziegel“ in Gold ausgezeichnet. Es ist eines von 50 Gebäuden, die Open House Wien in diesem Jahr vorstellt. Das Festival steht diesmal unter dem Motto „Die resiliente Stadt“.

Besucher können auf dem Holz-Trail die innovativsten Bauten aus diesem nachwachsenden Rohstoff besichtigen. Vom Forschungsprojekt Vivihouse bis zum aktuell zweithöchsten Holzhochhaus der Welt, dem HoHo Wien. Wie Holzbau auch im dichtverbauten Gebiet gelingen kann, zeigt das Wood, ein Boutique Hotel am Mariahilfer Gürtel, das aus Holz gebaut und mit Stroh gedämmt ist.

Die post-pandemische Stadt

Beim Thema Resilienz spielt nicht nur das Klima eine wichtige Rolle, hier geht es auch um Freiräume in der Stadt, lokale Produktion und soziale Inklusion. Gerade die Pandemie habe gezeigt, dass die Städte nicht ausreichend auf Krisen vorbereitet sind.

Atelierhaus C-21, Open House Wien
Das Atelierhaus C-21 im Wiener Sonnwendviertel ist ein ungewöhnlicher Bau ohne genormte Räume.

Nach der Pandemie müssen wir aus der Ohnmacht hinaus und uns neu organisieren.

Iris Kaltenegger, Gründerin von Open House Wien

„Nach der Pandemie müssen wir aus der Ohnmacht hinaus und uns neu organisieren. Gebäude wie die Garage Grande – eine Zwischennutzung, in die sich jeder einbringen kann – sind gelebte Partizipation, die auch eine wirtschaftliche Komponente haben. Wir brauchen viel mehr nutzungs-offene Strukturen, die nicht völlig durchgeplant, sondern ergebnisoffen sind“, sagt Iris Kaltenegger, Gründerin von Open House Wien und fordert mehr Mut zum Experiment.

Das Architekturfestival Open House Wien findet in diesem Jahr zum achten Mal in Folge statt. Es ist kostenlos und kann ohne Anmeldung besucht werden. Informationen über die kuratierten Gebäude, die am 11. und 12. September 2021 besichtigt werden können, gibt es auf der Website.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Open House Wien, Lisi Zeininger, Nikos Kouklakis, Petra Rautenstrauch

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