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Das Große steckt im Kleinen
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Das Große steckt im Kleinen

Der innovative Holzbau steht hoch im Kurs, auch bei Sakralbauten. Mit der fraktalen Struktur der Agri Chapel zeigt Architekt Yu Momoeda hohe Ingenieurskunst und nebenbei auch ein universelles Prinzip.

Die Birch Moss Chapel im japanischen Nagano besteht, wie der Name schon verrät, aus Birkenstämmen und Moos, darüber spannt sich ein Glasdach. Den erhabenen Moment verdanken Besucher der Kapelle dem Pritzker-Preisträger Kengo Kuma. Noch archaischer legte es Japans Shootingstar Junya Ishigami in der chinesischen Provinz Shandong an. Er faltete eine 45 Meter hohe Betonwand zwischen zwei Felsen, als wäre sie Papier. Auf dieser architektonischen Spielwiese der Sakralbauten schuf Newcomer Yu Momoeda mit der Agri Chapel einen innovativen und symbolträchtigen Holzbau.

Holzstruktur, Agri Chapel, Yu Momoeda, Japan
Die Holzstruktur der Agri Chapel basiert auf einem fraktalen System.

Die Kapelle liegt in einem großen Naturpark in der japanischen Präfektur Nagasaki. Das Innere des sakralen Raumes sollte mit seiner Umgebung in Verbindung stehen. Das geschieht zum einen über die großen Fenster, die den kubischen Bau an jeder Seite nach außen hin öffnen. Zum anderen schuf Momoeda mit der fraktalen Struktur eine stilistische Verbindung zur Landschaft ringsum. Die Holzkonstruktion mit ihrer Verästelung nach oben hin gleicht der Wuchsart von Bäumen.

Japanische Neugotik

„Wir schufen einen Pedentifdom, indem wir baumartige Elemente übereinander stapelten, die nach oben hin kleiner und zahlreicher werden“, erklärt Yu Momoeda sein Konzept. Inspiration fand der Architekt „in Japans ältester gotischer Holzkirche, bekannt unter dem Namen ‚Ohura-Tenshudou‘“. Diese Kapelle sei nicht nur ein touristischer Anziehungspunkt, sondern auch ein Ort, der von den Einheimischen gehegt und gepflegt wird.

Wir haben versucht, die Kapelle in einer Art neuem gotischen Stil zu entwerfen, der sich einer japanischen Holzbautechnik bedient.

Yu Momoeda, Architekt

„Wir haben versucht, die Kapelle in einer Art neuem gotischen Stil zu entwerfen, der sich einer japanischen Holzbautechnik bedient“, schreibt der Architekt in seinem Konzept. An einigen gotischen Stilelementen hielt Momoeda fest: der dreigeteilten Komposition, einem Mittel- und Quergang sowie der 45-Grad-Rotation. Die fraktale Holzkonstruktion ist in drei Ebenen unterteilt. Die erste besteht aus vier 120 Millimeter starken, die zweite aus acht 90 Millimeter starken und die dritte aus sechzehn 60 Millimeter starken Säulenelementen.

Hauptschiff, Agri Chapel, Yu Momoeda, Japan
Yu Momoeda wendet ein gotisches Gestaltungprinzip auf eine japanische Holzbautechnik an.

Diese verästelte Holzkonstruktion trägt das 25 Tonnen schwere Dach und schafft nach unten hin Platz. „Durch die Reduzierung der Säulen auf Bodenebene konnten wir einen nutzbaren, offenen Raum schaffen“, so der Architekt aus Fukuoka, der vom Architectural Institute of Japan mit dem New Face Award ausgezeichnet wurde. 

Das universelle Prinzip

Ebenso wie in seiner Studie „Layers of Atmospheres“, so ist auch im architektonischen Konzept der Agri Chapel ein universelles Prinzip verpackt. Es steckt in der fraktalen Struktur des Sakralbaus. In der Physik sind Fraktale Gebilde, bei denen das Ganze seinen Bestandteilen ähnelt. Ein anschauliches Beispiel dafür liefert Brokkoli. Die einzelnen Röschen sehen genauso aus wie der Gemüsekohl in seiner Ganzheit. 

Dasselbe Prinzip können wir beispielsweise auch bei Kristallen und langen Polymermolekülen beobachten. Einer neuen Hypothese von Physikern zufolge ließen sich diese selbstähnlichen Muster auch im Planetensystem und in Galaxienhaufen finden. Auch wenn es dafür noch keine wissenschaftlichen Beweise gibt, so kann man dennoch von einem universellen Prinzip sprechen. Die Form des Großen wiederholt sich im Kleinen. Das eine ist im anderen enthalten.

Nacht, Agri Chapel, Yu Momoeda
Auch bei Nacht ist die fraktale Holzstruktur im Inneren gut erkennbar.
Fraktale Struktur, Agri Chapel, Yu Momoeda
Die Struktur ist ein Fraktal, das heißt, das Ganze ähnelt seinen Bestandteilen.

Moderne Ikonen der Architektur

Sakralbauten sind bei Architekten sehr beliebt. Sie eignen sich besonders als kreative Experimentierschmiede, aus der zahlreiche architektonische Signature-Bauten hervorgehen. Neben der klar umrissenen Funktionalität geht es hier vor allem darum, ein einzigartiges Raumerlebnis zu schaffen. Eine Art von Eskapismus, einen entrückten Moment, fernab von der realen Welt.

Die Liste von namhaften Architekten, die mit ihren sakralen Bauten moderne Ikonen schufen, ist lang. Die Kirche des Lichts von Star-Architekt Tadao Ando aus dem Jahr 1989 zählt bis heute zu seinen bedeutendsten Bauwerken. Die Liste reicht zurück bis Marcel Breuer mit seiner brutalistischen St. John’s Abbey Church und Le Corbusier mit seiner Kapelle von Ronchamp.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Yu Momoeda

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